Schinna


Zur klanglichen Gestaltung der Orgel in der Kirche St.Vitus


Disposition

Hauptwerk

Prinzipal 8'
Harmonieflöte 8'
Oktave 4'
Flöte 4'
Oktave 2'
Mixtur III

Schwellwerk

Gambe 8'
Bordun 8'
Vox Coelestis 8'
Spitzflöte 4'
Oboe 8'

Pedal

Subbaß 16'
Cello 8'
Gedacktbaß 8'
Choralflöte 4'
Fagott 8'

Manualkoppel (durchkoppelnd), Pedalkoppel HW Winddruck 85 mm WS, Stimmung leicht ungleichschwebend für romantische Orgel

 

 

 

 

 

 

Das Instrument in der St.Vituskirche wurde 1974 hinter dem alten Gehäuseprospekt von Becker erbaut. Das Hauptwerk wurde aufgegliedert in einen kompletten Prinzipalchor mit zusätzlich 2 Flötenregistern. Wäre die Orgel komplett fertig gestellt worden, wäre das zweite Manual sicherlich sehr neobarock ausgefallen mit nur einer Grundstimme sowie vielen hohen Registern. Dass nur ein Bauabschnitt ausgeführt wurde, ist aus heutiger Sicht als Glücksfall zu bewerten. An ein nun bestehendes Konzept anzuknüpfen, ist nicht immer ein leichter Schritt, da es der Kreativität Grenzen setzt. Vor allem bei einer kleinen Orgel, bei der jedes Register besonders zählt. Wir freuen uns, dass die Gemeinde in Schinna sich bei den verschiedensten Überlegungen für eine romantische Ausrichtung entschieden hat. Damit aus diesem Projekt aber keine beliebige Pseudoromantik -Orgel entstand, waren wichtige klangliche Arbeiten an dem bestehenden Pfeifenmaterial des Hauptwerkes nötig.

Im Hauptwerk wurden alle bestehenden Register tiefgreifend umintoniert. D.h., dass die für den Klang entscheidenden Parameter zum Teil stark verändert wurden. Die Register klingen nun wärmer, mischfähiger und besitzen ein geschärftes klangliches Profil. Zu diesen Intonationsarbeiten kam noch eine wichtige Änderung hinzu. Das ursprüngliche Register Gedackt 8' wurde ab der dritten Oktave (c') in eine Traversflöte umgeändert, die in diesem Fall Harmonieflöte heißt. Somit besteht das Register in der tiefen Lage aus Holz, dann ab der Mitte aus Metall. Im oberen Bereich verdoppeln sich die Längen der Pfeifenkörper und die Pfeifen "überblasen" in den ersten Teilton. Dieser Effekt gibt dem Register den charakteristischen Klang einer Querflöte. Das Register ist somit im unteren Bereich ein zurückhaltendes Begleitregister. Im Diskant wächst es zu einer großen Flöte an und übernimmt eine Solofunktion. Damit schlägt es eine wichtige klangliche Brücke zu dem neuen Schwellwerk, welches rein romantisch disponiert ist.

Der romantische Grundsatz besteht darin, dass es 4 Register in der 8'-Lage gibt. Diese lassen sich in verschiedene Kombinationen mischen, um neue Klangfarben zu ermöglichen. Die erste Stimme ist die Gambe 8'. Von der Mensur ist sie für eine Gambe relativ weit. Der Klang ist warm und streichend. In Verbindung mit dem Bordun 8', ein gedecktes Flötenregister, ergibt sich ein satter neuer Grundklang. Eine Besonderheit ist die Vox Coelestis (Himmelsstimme). Dieses Register ist wie die Gambe auch ein Streicherregister, allerdings viel enger in der Mensur.

In der Intonation ist es etwas schärfer gehalten. Das Register ist etwas höher gestimmt als die anderen Stimmen. Somit ergeben sich im Zusammenklang mit der Gambe die natürlichen Schwebungen, die ein "ätherisches Tremolo" erzeugen und dem Namen Himmelsstimme ein Klang-Bild geben. Neben diesen Grundstimmen ergänzt eine Spitzflöte 4' das Schwellwerk mit Helligkeit und bietet so einen Kontrast zur weit und rund klingenden Gedecktflöte 4' des Hauptwerkes. Eine besondere Rolle nimmt die Oboe 8' ein.

Diese Oboe haben wir aufgrund ihrer vielen verschiedenen Aufgaben nach französischer Art und Weise gebaut und intoniert, da sie im Gegensatz zu einer deutsch-romantischen Oboe mehr Facetten besitzt. Im Bass ist das Register eine Art Fagott und gibt Kraft und Fülle. Dies ist unabdingbar, da die Oboe auch als Pedalregister fungiert und so in einer eher barocken Plenumsregistrierung Trompete oder Posaune ersetzt. In der Mittellage bis zum Diskant soll die Oboe dem Gesamtklang eine dezente Kraft verleihen. Hier ist das richtige Maß wichtig, denn als Solostimme muss sie gleichfalls einen lyrischen intimen Charakter vermitteln.

Interessant werden die Klangkombinationen, wenn die zwei Manuale gekoppelt werden und das Schwellpedal genutzt wird. Somit wird nicht nur die Dynamik, sondern auch je nach Registrierung die Klangfarbe verändert. Alle Schwellwerksregister (außer der Vox Coelestis) sind einzeln und unabhängig im Pedal spielbar. Diese Funktion der sogenannten Transmissionstechnik bereichert das zuvor sehr sparsam besetzte Pedal um wichtige Begleit- und Solostimmen. Das Schwellwerk ist so konstruiert, dass sich viel Fläche öffnen und schließen lässt. Somit ist ein idealer dynamischer Effekt möglich.

Durch all diese Arbeitsschritte wie Konzeption, Kreation, Veränderung und Neuinterpretation ist somit ein sehr wendiges Instrument entstanden, dass bei verhältnismäßig geringer Registerzahl doch viele Facetten besitzt. Eine Orgel kann nie universal für alle musikalischen Stilrichtungen sein; wäre das unser Ziel, würde das Instrument beliebig und langweilig ausfallen. Vielmehr ist es unser Bestreben, unsere Instrumente "vielsprachig" zu gestalten, auch wenn hier oder dort ein gewisser Akzent durchklingt. Dies sehen wir wie im Zwischenmenschlichen als Bereicherung.


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